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Reinfall

Autor

Oana Udrea Cramariuc

Es ging über all meine Erwartung. Das Bild, meine ich, das erste, wirkliches gute Bild von mir. In diesem erkenne ich mich sogar selbst - im Ausdruck, nicht in den Zügen. Ich habe auch ein normales, menschliches Lächeln drauf; nicht das verquälte, konventionelle Grinsen, das mir aus den anderen Bildern so widerlich entgegentritt. Ich betrachtete es so entrückt, dass ich ganz vergaß, meinem Onkel dafür „Danke schön“ zu sagen. Als ich mich darauf besann, war er schon weg, und ich blieb mit einem Schuldgefühl zurück, das aber verschwand, als ich wieder auf das Bild blickte.
Es war ein regelrechtes Porträt, in dem meine Schüchternheit in angenehmer und nicht linkischer Weise zum Ausdruck kam. Ich konnte mich am besten Willen nicht erinnern wann die Aufnahme gemacht worden war, es war nämlich ein Schnappschuss!
Über dem Bild hatte ich aber ganz vergessen, dass ein Aufsatz in Deutsch fällig war, zu dem mir nichts und wieder nichts einfallen sollte. Ich suchte verzweifelt nach einem aufregenden Ereignis, vielleicht aus den letzten Ferien, oder mein letzter Besuch beim Zahnarzt, aber vergebens, mein ganzes Leben schien von diesem Standpunkt aus völlig uninteressant zu sein. Oder war ich nicht im Stande zu erkennen, was für den eventuellen Leser von Interesse sei.
„Was meinst du zu einem Ausflug in dein eigenes Familienalbum?“ Die Stimme klang mir bekannt. Das war weiter nicht wunderlich, denn es war meine eigene Stimme. Aber wie kam sie dazu, ohne jeden Beitrag meinerseits, mich persönlich anzureden? Es war natürlich mein Bild. Und da es mein Bild war, konnte es nicht mit einer fremden Stimme sprechen denn dazu war es eine zu gute Aufnahme.
"Das würde ich äußerst aufregend finden", antwortete ich mir, ging zu dem Schreibtisch, auf dem mein Album lag, und als ich es öffnete, erblickte ich ein zweijähriges Mädchen, welches ganz erschrocken auf einen riesigen Hund blickte, der neben ihm lag. Es warf mir einen flehenden Blick zu. "Hahaha", hörte ich meine Stimme (daran hatte ich mich schon gewöhnt) ''das bist du. Hast du noch immer so eine Angst vor Hunden? "
„Oana, nimm den da weg“, flüsterte das Mädchen, das die Stimme meiner Cousine hatte, deren Angst vor Hunden sprichwörtlich ist.
„Siehst du,“ sagte ich da triumphierend meinem Porträt, ich hatte nie Angst vor Hunden, nicht mal vor einem ausgewachsenen Dobermann!''
„Ach, quatsch“, fuhr da die Stimme meines Onkels dazwischen.
„Einen ausgewachsenen Dobermann sehe sogar ich mit größtem Respekt an, und wenn du behauptest, ich sei ein Feigling, dann ist es aus mit den Physikaufgaben.“
'“Ich kapier ja sowieso nichts von dem Zeug'“, antwortete ich ihm denn es war ja schließlich und endlich nur ein Foto aus dem vorigen Jahr. Was konnte es mir denn antun? Er sprang aber bebend auf die andere Seite des Albums und kam mit meiner Mutter zurück.
„Das hatte ich wirklich nicht von dir erwartet, es ist ja schließlich und endlich nicht Mihais Angelegenheit, euch die schweren Physikaufgaben zu erklären, und mit dir geht es auch schwerer als mit Șerban.“
Da wurde ich aber ganz wütend.
„Ha! Immer dieses Mathegenie: könnt euch die schweren Aufgaben und die kilometerlangen Formeln brüderlich untereinander teilen, ich brauch sie nicht“, schrie ich, und sprang dem Beispiel meines Onkels folgend, in das erstbeste Blatt hinein, direkt meinem Urgroßvater auf die Knie. Er sah mich kritisch durch das Monokel an und frug mit strengem Gesichtsausdruck:
„Wer bist du?“
„Deine Urenkelin Oana Udrea“, antwortete ich wie in der Schule, denn mit ihm schien Spaß unmöglich zu sein.
„Woher soll ich das wissen?'“
Den Personalausweis hatte ich nicht bei mir und es war ziemlich schwer, es ihm zu beweisen.
„Wenn du ein Mädchen bist, warum läufst du dann in Hosen herum,“ fragte er, missbilligend auf meine Jeans blickend. „Die sind außerdem für meinem Geschmack viel zu eng.“
„Ja, weißt du, zu deiner Zeit war die Mode ein bisschen anders“, versuchte ich ihm zu erklären, wie es um meine Jeans bestellt war.
In den weiten Kleidern in den 134er Bus zu fahren, schien mir außerdem kein Spaß zu sein.
„Diese Familie ist ja unmöglich'“, schimpfte ich weiter und wollte verschwinden. Als ich aber gerade um das Blatt biegen wollte, erwischte mich Urgroßvater mit dem Stock am rechten Bein.
„In diesem Anzug hast du bei mir da nichts mehr zu suchen“ donnerte er mich an. „In meiner Familie hat es bisher keine Mädchen gegeben, die wie Jungen ausgesehen haben und die mir so aus dem Blauen auf den Knien gelandet sind.“
„Es…. es wird sich bestimmt nicht wiederholen“, sagte ich da kleinlaut, als die Stimme meiner Mutti und die Mihais hörte. Nur schnell weg von da, sagte ich mir, riss mich los, so dass Urgroßvater mitsamt seinem Stuhl vornüber purzelte, aber so konnte ihm nichts geschehen, da er auf dem Foto noch recht jung war. Außer Atem, reinigte ich neben das Album und klappte es, so stark ich nur konnte, zu.
„Ist dein Aufsatz schon fertig?“ vernahm ich da Muttis Stimme, die aber gar nicht böse zu sein schien. „Ach, du bist jetzt über dem Schreibtisch eingeschlafen! Schnell ins Bett, damit du ihn wenigstens morgen früh fertigschreiben kannst.“ Ich rieb mir verschlafen die Augen. Schien es mir nur, oder blinzelte mir mein Porträt verstohlen zu?


Oana Udrea - IX.C

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