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Wenn schon

Autor

Maria

Und wenn sie bedenken musste, dass sie vor knapp einem Tag der glücklichste Mensch auf Erden gewesen war, graute es ihr. Martins schmale, blaue Augen sah sie immer noch vor sich und sein helles, irgendwie kindliches Antlitz lächelte sie immer noch an. Sie fühlte sich in einer seltsamen, bis dahin noch unbekannten Weise, von seinem Wesen ganz und gar erfüllt. 0b es echte Liebe oder wieder einmal nur vorübergehendes Verliebtsein war, darüber wollte sie nicht nachdenken, oder sie hat wenigstens darüber nicht nachdenken wollen, denn jetzt war sie völlig unfähig dazu. Es war so ein großes Durcheinander in ihrem Kopf, dass sie ihre Gedanken kaum zusammenraffen konnte. Das Einzige, was sie jetzt wusste, und das in ihrem Inneren im Einklang mit dem rhythmischen Herzpochen dröhnte, war der Gedanke an den Tod. Am Anfang hat sie es gar nicht fassen können – selbst dann nicht, als der Arzt sie rufen ließ.
„Tut mir leid, dass ich es Ihnen mitteilen muss, aber Ihr Körper wird sich in etwa vier, fünf Tagen überhaupt nicht mehr wehren können, wissen Sie, diese Krankheit arbeitet schnell ...“ Er hatte es so direkt gesagt, dass sie im ersten Moment einfach nicht begriffen hatte. Das erste, das sie dann nach minutenlangem denkleerem Schweigen gefragt hatte war, ob es trotzdem nicht eine Möglichkeit gegeben hätte ... mit irgendwelchen Mitteln ... Nein, der Arzt wusste ganz genau, dass diese, zwar sehr seltenen, Fälle rettungslos waren.
Wenn sie jetzt so darüber nachdachte, war sie ihm fast dankbar, dass er sie aus irgendwelchen Verschonungsgründen nicht angelogen hatte. Es war eigentlich auch keine Zeit mehr zum Lügen... Plötzlich schaute sie auf! Klang das nicht ein wenig zynisch? Arbeitete der Tod auch schon an ihrem Geist?... Ach was! Sie schüttelte den Kopf und presste die kalten Hände gegen die Stirn.
Martins Augen und sein Lächeln wollten ihr nicht aus dem Sinn, und die vielen, die süßen und dennoch so kindischen Küsse und das ewige "Wirst du mich immer lieben?" -
"Ja, gewiss, bis ans Ende, bis über den Tod hinaus" ... Wenn sie gestern gewusst hätte, was sie da eigentlich sagte! … Sie betrachtete den Tod als etwas ganz Entferntes und dabei war der Tod schon in ihrem Leib und fraß sich immer tiefer hinein.
Es wimmelte von Fragen in ihrem Kopf und alle kreisten um den einen einzigen Punkt: Martin. Es war vorläufig das Einzige, das sie beschäftigte, das andere hatte noch Zeit - noch ein wenig Zeit …
Martin, was sollte aus Martin werden? Durfte sie ihn mit hineinziehen? Sie verfügte ja selbst über ihr eigenes Leben nicht gänzlich, über seines dann erst recht nicht.
Wie hätte sie ihn von der ganzen Geschichte fernhalten können? Einen Augenblick dachte sie daran, sie hätte ihn ja anlügen und ihm erklären können, ihre ganze Liebe sei nur ein Spiel gewesen, das sie nun satt hätte. Ein derartiger Liebeskummer würde ihn vielleicht weniger angreifen als ihr Tod. Er war noch zu jung, zu unerfahren, zu ungehärtet, um wegen eines solchen Schlages nicht zu versagen, nicht zu Grunde zu gehen. Andererseits aber war es gar nicht so leicht, ihn anzulügen. Sie kannte ihn nur zu gut. Er würde es einfach nicht gelten lassen, er würde weiter bohren, um alles herauszubekommen, er würde fragen
und bitten und versprechen. Und dabei fühlte sie sich selber nicht stark genug, das alles ertragen zu können … Ja, und dann würde der Freitod vielleicht die einzige Lösung sein, um mit der ganzen Sache gut fertig zu werden.
Dann würden auch die anderen, die Freunde und Verwandten, nicht unnötig leiden müssen. Denn über einen unerwarteten und bereits eingetretenen Tod kommt man viel leichter hinweg als über einen kommenden und mitzuerlebenden. Es war vielleicht auch gar nicht so schwer, eine ganze Schachtel Schlafmittel herunterzuschlucken. Sie sah sich schon in ihrem weißen Lieblingskleid, in dem sie sich auch trauen lassen wollte, so schön und weiß und ruhig wie Schneewittchen in ihrem Sarg… Da musste sie lächeln. Freilich klang das schon wieder einmal übertrieben romantisch, doch der Gedanke gefiel ihr ...
Das Glockenläuten hatte bereits angefangen und sie stand in ihrem weißen Kleid da und wusste nicht recht, was sie mit ihren zitternden Händen anfangen sollte.
Taschen hatte sie zwar, aber sie wusste nicht, ob es sich gehörte, die Hände in die Taschen zu stecken. Endlich hielt ihr jemand das Sträußchen entgegen, und sie fasste es mit beiden Händen und umklammerte es. Verstohlen schaute sie zu Martin, der neben ihr stand. Sein weißes Katzengesicht versuchte zu lächeln, doch sie merkte, dass er auch aufgeregt war. Und wieder einmal hing die Schleife an seinem Hals schief. Sie hob die Hand, um sie ihm wie
gewöhnlich zurecht zu zupfen, noch dann gedachte sie der vielen Leute, die sie vermutlich anschauten und sie schämte sich. Die Glocken läuteten weiter, irgendwo oben, über ihren Köpfen, und sie fühlte sich plötzlich von so einem mächtigen Glücksgefühl überströmt, dass sie sich kaum noch an ihrem Sträußchen festhalten konnte…
Das dumme Hupen eines Autos auf der Straße weckte sie. Sie trat verärgert ans Fenster und merkte erst jetzt, dass es dunkel geworden war. Das Gewimmel aus der Straße war nur noch an den paar Lichtlein und am Geräusch zu erkennen.
Sie setzte sich wieder, und dann hörte sie plötzlich ihren Magen knurren. Sie lauschte tief in sich hinein, doch es war nichts anderes zu hören als das gewöhnlichste und gesundeste Magenknurren. Sie holte sich etwas zum Essen, und während sie nachdenklich an einem Stück Käse kaute, fiel ihr ein, dass sie eigentlich gar nicht gefragt hatte, wie sich diese Krankheit äußern würde. Nichts wusste sie, nicht einmal den Namen! Schon griff sie nach dem Telefon, doch dann fragte sie sich selber nach dem Sinn einer derartigen Erkundigung und stockte; der Gedanke an den Selbstmord überfiel sie, stärker und verlockender als je,
„Nein, noch nicht!“ entschied sie. Sie fühlte sich noch nicht bereit. Erst musste sie sich mit dem Tod an und für sich auseinandersetzten. Wie ging sie denn in den Tod? War sie überhaupt fähig dazu? Sie holte ihr Tagebuch hervor und suchte nach den paar Zeilen, die sie vor Jahren aus einem Buch herausgeschrieben hatte und die ihr damals so gut gefallen hatten:
„Wer das Leben ohne den Tod ansieht oder den Tod ohne das Leben, kennt weder das eine noch das andere. Einübung ins Sterben bringt am meisten Klarheit über das Leben. Einübung ins Leben ist die beste Vorbereitung auf den Tod. Denn man kann sich den Tod vor Augen halten, aber man kann nicht üben. Jeder geht als Anfänger in seinen Tod. Aber das Leben kann man so gestalten, dass auch ein letzter Schritt ohne Panik geschehen kann."

Sie schüttelte seufzend den Kopf. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie eigentlich nie ernst über den Tod nachgedacht hatte. Es war immer nur ihr Leben gewesen, worüber sie sich manche Gedanken gemacht hatte. Es war mit diesem Nachdenken sogar so weit gekommen, dass sie fast keinen Schritt mehr machen konnte, ohne ihn dem ewigen "Ist es gut oder nicht?"-Urteil zu unterwerfen.
Sie hatte auch sonst die Gewohnheit, sich für alle ihre Taten verantwortlich zu machen. 0b das aber wirklich "Einübung ins Leben" gewesen ist? Nein, das wusste sie nicht.
Nachdenklich blätterte sie in ihrem Tagebuch weiter und Bruchstücke von Sätzen fielen ihr auf:" ... ich bin so glücklich... ","ich hatte einen so schönen Nachmittag… " "heute war ich so unwahrscheinlich glücklich… " Sie spürte eine tiefe, unbekannte Sehnsucht in ihrem Inneren und heiße Tränen flossen über ihre Wangen. Es überfielen sie wieder die Erinnerungen an die wunderschönen Tage, an das vergangene Weihnachtsfest und an ihren siebzehnten Geburtstag, an diese unvergesslichen Nächte unter dem Sternenhimmel, am Ufer des Meeres - und dann Martin, immer wieder Martin und die frische Liebe, wie eine kaum aufgeblühte Rosenknospe.
Wenn nur diese unvermeidliche Angst nicht gewesen wäre! Angst? Wovor hatte sie denn Angst? Früher hatte sie immer ihre Angst überwunden, indem sie sich diese Frage gestellt hatte: wovor? Und sobald eine Antwort gefunden war, verschwand auch gleich ihre Angst.
Doch was war das für eine Angst? Es war nicht Angst vor dem Tod, an und für sich, und gewiss auch nicht vor den Schmerzen, vielleicht auch nicht vor dem Alleinbleiben. Es war - ach ja, jetzt wusste sie es - es war die Angst vor dem Unbekannten.
Sie klappte das Heft zu und konnte minutenlang ihre Gedanken wieder einmal nicht zusammenraffen. Ihr kam so vor, als wäre ihr auch diese Angst nicht völlig unbekannt, als hätte sie sie noch einmal erlebt. Vielleicht in der Kindheit oder auch, - ja, vor ihrer ersten Prüfung, sie erinnerte sich ganz genau daran, an diese Angst, nicht weil sie nicht genügend gelernt hätte, sondern einfach, weil sie nicht wusste, was dort alles vorgehen würde. Und obwohl sie auch damals diese Angst nicht hatte überwinden können, war sie sich ständig bewusst gewesen, dass es nur an ihr selber lag.
„Ja, es liegt an mir selber", sagte sie und suchte nach einem reinen Taschentuch, obwohl die Tränen auf ihren Wangen schon längst zu trockenen Salzspuren geworden waren, „denn es ist mein Tod, genauso wie es meine Prüfung war, und ich kann ihn nicht einfach verleugnen. Ich muss ihm vertrauen, wie meinem ganzen Leben. Denn es ist mein Tod, zu dem ich geboren wurde ... "

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